Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 297, 23.12.2023

Mit Nächstenliebe gegen Einsamkeit

Soroptimistinnen übergeben 60 Weihnachtstaschen an die Diakonie 
Neckar-Odenwald-Kreis. (zg) Zum zweiten Mal durften Guido Zilling und Nancy Gelb, Geschäftsführungsteam des Diakonischen Werks im Neckar-Odenwald-Kreis, Präsidentin Dagmar Haas und Mitglied Martina Zundel vom Soroptimist International Club Mosbach in begrüßen. Sie hatten auch in diesem Jahr 60 Weihnachtstaschen im Gepäck. Jede Einzelne ist liebevoll gepackt mit Weihnachtsstollen, Kaffee und persönlichen Wünschen. Die Geschenke sind für Frauen im Rentenalter, die von der Diakonie begleitet werden. 
Zilling und Gelb bedankten sich bei den Soroptimistinnen. Zilling betonte: „Wachsende Altersarmut, aber auch steigende Lebensmittelpreise und die Inflation sind deutlich in unseren Beratungen und Begleitungen zu spüren. Dazu kommt oft noch die zunehmende Vereinsamung älterer Menschen. Gerade, wenn die Mobilität nachlässt, vielleicht gesundheitliche Probleme bestehen und die Familie weiter weg wohnt oder nicht mehr vorhanden ist, dann ist in der dunkleren Jahreszeit die Einsamkeit der Menschen spürbar.“ Gelb ergänzt: „Die Geschenktüten zu Weihnachten sind eine wunderschöne Idee, um ein Lächeln bei den Klientinnen ins Gesicht zu zaubern, verbunden mit der Botschaft ,Wir denken an dich’.“ 
Die Fachdienste der Diakonie Neckar-Odenwald, die kirchliche allgemeine Sozialarbeit, der Sozialpsychiatrische Dienst, die Psychologische Beratungsstelle sowie der Fachdienst Flucht werden die vollgepackten Weihnachtstüten in den nächsten Tagen an die Klientinnen verteilen. 

Guido Zilling, Geschäftsführer der Diakonie Neckar-Odenwald-Kreis, nahm die Taschen von Martina Zundel, Soroptimist Club (v. l.) und Dagmar Haas (r.), Präsidentin Soroptimist, gemeinsam mit Nancy Gelb (2. v. r.), stv. Geschäftsführerin der Diakonie, entgegen. Foto: zg


Rhein-neckar-zeitung Nr. 287, 12.12.2023

Kinderwünsche erfüllt

Der SI-Club Mosbach spendet erneut für bedürftige Kinder 
Mosbach. (lra) Mehr als 70 Geschenke haben die Mitglieder des Soroptimist International Clubs Mosbach kurz vor Weihnachten erneut ins Landratsamt gebracht. Jedes der liebevoll verpackten und adressierten Päckchen ist für ein Kind im Landkreis bestimmt, das von den Sozialen Diensten betreut wird. Von dort ließ sich der Club, Teil der weltweit größten Service-Organisation berufstätiger Frauen, auch eine Liste mit Wünschen von den Kindern geben. Wünsche, die deren Eltern aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht finanzieren können. 
Clubpräsidentin Ulli Erne-Barth überreichte die Weihnachtsgeschenke gemeinsam mit Martina Zundel und Isa Ludäscher an Fachdienstleiter Pascal Heffner, der sie zusammen mit Landratsamt-Mitarbeiterin Nina Gölz mit einem herzlichen Dankeschön in Empfang nahm. Heffner und seine Kolleginnen und Kollegen sorgen nun dafür, dass die Pakete pünktlich zu Heiligabend bei den Kindern ankommen. 
„Die Kostensteigerungen in vielen Bereichen des Lebens sorgen dafür, dass manche Kinder in diesem Jahr ihre Wünsche nicht erfüllt bekommen. Deshalb ist es uns ganz wichtig, hier einzuspringen. Dass es wieder über 70 Geschenke geworden sind, macht uns sehr zufrieden“, betonte Ulli Erne-Barth. 
Die Tradition der Geschenkaktion besteht bereits seit 14 Jahren und wird auch im nächsten Jahr fortgesetzt. 

Über 70 Geschenke für benachteiligte Kinder übergaben die Mitglieder des Soroptimist International Clubs Mosbach an Fachdienstleiter Pascal Heffner. Foto: Landratsamt


Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 284, 08.12.2023

Nicht noch eine Verschlimmbesserung

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe des SI-Clubs referierte Annette Vogel-Hrustic über das Prostituiertenschutzgesetz 
Von Ursula Brinkmann 
Mosbach. Ganz bewusst an den Schluss der Veranstaltungsreihe über das schwierige Thema Prostitution hatten die Veranstalterinnen des Soroptimist-Clubs Mosbach die rechtlichen Aspekte gesetzt und damit bewusst an den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen angedockt. Angelika Bronner-Blatz, verantwortlich für Themenauswahl und Konzeption der mehr als eine Woche dauernden Vortragsabende, erläuterte, warum: „Die vorangegangenen Vorträge haben sich mit ‚Frauen in der Prostitution‘ aus den Blickwinkeln derer befasst, die auf die eine oder andere Weise damit konfrontiert sind – zumeist auf sehr persönliche Weise. Heute soll es um die Gesetzeslage gehen, die so etwas wie den Rahmen bildet.“ 
Dass dieser (das Prostitutionsgesetz von 2002 und das Prostituiertenschutzgesetz von 2017) für die Frauen in der Prostitution nicht Schutz, nicht Wahrung der Würde und nicht Selbstbestimmung bedeute, das machte Annette Vogel-Hrustic mit ihrem Vortrag im Rathaussaal deutlich – so wie es die vorangegangenen Vorträge schon taten, auf die sie verwies. Gedacht und gemacht waren die Gesetze (der vor 2002 sittenwidrigen Prostitution), um Prostituierte schützen und Kriminalität bekämpfen zu können. 
Die Sozialpädagogin ist Gleichstellungs- und auch Integrationsbeauftragte des Neckar-Odenwald-Kreises. Als Letztere ist auch sie mit den Auswirkungen der Prostitution in Deutschland konfrontiert, kämen doch die meisten der Prostituierten im „Bordell Europas“ (Deutschland) aus den ärmsten Verhältnissen Südosteuropas. So gibt es im Neckar-Odenwald-Kreis offiziell zwar keine durch Gesetze legalisierte Prostitution, da es keine Städte mit mehr als 35 000 Einwohnern gibt, in denen das erlaubt wäre. Aber Annette Vogel-Hrustic, selbst Mitglied bei Soroptimist International, weiß beispielsweise, dass einige geflüchtete Frauen anschaffen gehen (müssen). Eingeleitet zum „zwiespältigen Thema“ hatte sie mit einer persönlichen Beobachtung, die sie sehr irritierte hatte: „Vor drei Jahren berichtete uns unsere damals 19-jährige Tochter erschüttert von gleichaltrigen Jungs, die aus Langweile zum Straßenstrich nach Heilbronn gingen, um Sex zu kaufen.“ Nicht weniger erschrickt sie über deutsche Rap-Texte, die schon Kinder hören, in denen Gewalt an Frauen verherrlicht werde. „Da wird mir ganz anders.“ 
Prostitution ist im Kreis zwar gesetzlich verboten, doch auch Landrat Dr. Achim Brötel weiß, dass sie in allen Facetten stattfindet, weiß, dass in den Nachbarbundesländern „großzügigere“ Regelungen gelten. Von dem Glauben, dass etwas nicht stattfinde, weil es verboten sei, müsse man sich frei machen. Eher sei das Gegenteil richtig. Annette Vogel-Hrustic und Club-Präsidentin Ulli Erne-Barth hatten – nicht zum ersten Mal im Verlauf der Aktionswoche – Zahlen dazu genannt: 28 000 Frauen waren 2022 als Prostituierte angemeldet, in Baden-Württemberg: 3448. Offiziell gibt es rund 2300 Prostitutionsbetriebe in der Bundesrepublik. Die Schätzungen zur tatsächlichen Zahl der Frauen, die ihren Körper verkaufen (müssen), liegen bei 250 000, manche, so Vogel-Hrustic, gehen von 400 000 aus. 90 Prozent der Prostituierten sind Migrantinnen. „Der erwirtschaftete Umsatz vor der Coronapandemie liegt bei über 14,6 Milliarden Euro pro Jahr“, sagte Erne-Barth. Und noch eine Zahl lässt stocken: Täglich sind mehr als eine Million Männer auf der Suche nach Sex gegen Geld. 
Das „starke Signal“, das der SI-Club mit der Vortragsreihe sende, begrüßte der Landrat ausdrücklich. „Wir müssen über diese Themen reden, laut, deutlich und in einem öffentlichen Rahmen wie diesem.“ Ihren Beitrag zu einem Paradigmenwechsel sehen die Soroptimist-Frauen gemäß ihrem Motto darin, Bewusstsein zu schaffen, und Tabuthemen wie die Prostitution in die Öffentlichkeit bringen, um so einen Beitrag zu einer Verbesserung der Lebenssituation von Frauen in der Prostitution zu leisten. Die Grundhaltung in der Gesellschaft müsse sich ändern, schlussfolgerte Annette Vogel-Hrustic am Ende ihres informativen Vortrags, damit nicht schon die Kinder mit der Einstellung aufwüchsen, dass der Körper einer Frau benutzt werden könne. Ähnlich hatten es andere Referentinnen in den Tagen der „Orange Week“ gefordert. 
Das sogenannte Nordische Modell, so Vogel-Hrustic, kriminalisiere statt der prostituierten Frauen die Freier, die Zuhälter, die Bordellbetreiber, indem es den Kauf von Sex verbiete. „Dabei geht der Staat von der grundlegenden Annahme aus, dass nicht generell von einer selbstständigen und freiwilligen Entscheidung zur Prostitution ausgegangen werden kann, da in aller Regel erhebliche medizinische und psychiatrische Folgen bei den Betroffenen auftreten.“ Die Gesetze 2002 und 2017 hätten das Gute gewollt, aber nur eine Verschlimmbesserung bewirkt. Derzeit, verwies die Gleichstellungsbeauftragte auf die aktuelle Diskussion, fordere neben einzelnen Abgeordneten aus den Parteien nur die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag ein Sexkaufverbot. Bis 2025 soll das Prostituiertenschutzgesetz evaluiert und gegebenenfalls novelliert werden. 
Die Skepsis, dass eine Novellierung etwas bringe, aber ist groß. An der Grundhaltung etwas zu ändern als Ziel der Vortragsreihe und der Ausstellung ist das Eine. Mit einer Bewirtung (durch Mona Lisa) und dem Aufruf zum Spenden leistet(e) Soroptimist International auch einen kleinen konkreten Beitrag, in dem damit das Frauen- und Kinderschutzhaus des NOK sowie Projekte zur Verbesserung der Lebenssituation im globalen Süden unterstützt werden. „Wir werden am Thema dran bleiben.“ 


Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 280, 04.12.2023

Bezahlter Sex – und was er wirklich kostet

Im Rahmen der Themenreihe „Signal – Rot“ sprach Sozialarbeiterin Kerstin Neuhaus mit fast 100 Freiern – Briefe schreiben 
Mosbach. (brw/RNZ) Knapp 100 Interviews hat Kerstin Neuhaus mit Männern geführt, die für Sex Geld bezahlen. Im Rahmen der Reihe „Signal – Rot“, mit der der Club der Mosbacher Soroptimisten das Thema Prostitution aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet hat (die RNZ berichtete bereits), stellte die Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin von „Augsburger:innen gegen Menschenhandel“ im Rathaus die Ergebnisse ihrer Sozialforschung vor. Dass Frauen unter falschen Versprechungen aus dem Ausland nach Deutschland gelockt und dann bewusst in finanzielle Abhängigkeit gebracht werden, um sie zur Prostitution zu nötigen, wurde im Rahmen der Vortragsreihe bereits aufgezeigt. „Sie wissen, was sie tun“, betonte Soroptimist-Präsidentin Ulli Erne-Barth in ihrer Einführung mit Blick auf die Freier. 
Dass Erne-Barth die Situation damit treffend beschrieben hat, machte Neuhaus in der folgenden Stunde klar. Dabei ließ sie es nicht unerwähnt, dass die Studie aufgrund der zu geringen Fallzahl zwar nicht repräsentativ sei, aber durchaus interessante Hinweise gebe. Im Durchschnitt waren die befragten 96 Freier 25 Jahre alt und kamen aus allen Gesellschaftsschichten. Die Gruppe deckt das gesamte Bildungs- und Einkommensspektrum ab. 85 Prozent haben die deutsche Staatsbürgerschaft und 56 Prozent sind entweder verheiratet gewesen oder lebten zum Befragungszeitpunkt in einer Beziehung. Ein erster „Sexkauf“ fand mit durchschnittlich 22 Jahren statt und bei 41 Prozent geschieht das mindestens einmal im Monat. Die häufigsten Begegnungsorte sind das Bordell und die Straße. 
Die Studie sei extrem kräftezehrend gewesen, berichtete Kerstin Neuhaus. Manche der Interviewerinnen in ihrem Team seien einen Großteil der Zeit damit beschäftigt gewesen, ihre Grenzen zu verteidigen – andere wurden sogar physisch angegriffen. Auffällig sei der „extreme Mangel an Empathie“ bei den Freiern gewesen und die daraus resultierenden „menschenverachtenden Aussagen über die Frauen“. Die Freier wissen sehr gut Bescheid über die zweifelhaften kriminellen Anwerbestrategien der Zuhälter, um Frauen gefügig zu machen. Dabei würden Zuhälter auch gegen die Familien der in Abhängigkeit gebrachten Frauen, die zu Hause meist Kinder haben, Drohungen aussprechen. Ein Leben in der Prostitution verändere die Frauen massiv, so Neuhaus. Freier betrachteten sie als Ware, für die sie bezahlt haben. Zudem zeigte ihre Studie, dass Männer, die die Prostitution nutzen, tendenziell eher gewaltbereit seien als andere. 
Auch mit der Frage, welche Faktoren Männer vom Sexkauf abhalten könnten, beschäftigte sich die Sozialarbeiterin – und kam als Antwort wie einige ihrer Vorredner auf das „nordische Modell“ zu sprechen: Dieser Ansatz wird in Schweden schon erfolgreich praktiziert, Freier müssen dort mit einer Strafverfolgung rechnen. Ein potenziell wirksames Mittel stelle zudem die öffentliche Anprangerung dar, etwa durch den Eintrag in ein Register. Vorstellbar sind für Neuhaus auch Plakate mit Fotos und Namen der ertappten Freier. Prostituierten sollten dagegen flächendeckende Ausstiegsmöglichkeiten angeboten werden. 
In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, warum in einem Land, in dem so viel reglementiert ist, ausgerechnet beim Thema Prostitution der Staat so völlig außen vor bleibe. Auch ihr fehle jedes Verständnis dafür, so Neuhaus. Seit etwa drei Jahren stelle sie jedoch eine veränderte Aufmerksamkeit, besonders seitens der Medien, fest. Und die CDU/ CSU-Fraktion habe immerhin ein Positionspapier zum Thema Prostitution veröffentlicht und sich darin für das nordische Modell ausgesprochen. Neuhaus forderte konkret dazu auf, Briefe an die politischen Mandatsträger im eigenen Wahlkreis zu schreiben, um diese auf die sich immer mehr zuspitzende Situation in der Prostitution hinzuweisen. Verbunden werden solle dies mit der Bitte, sich dafür einzusetzen, die katastrophale Lage für die Frauen dort zu verbessern. 


Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 276, 29.11.2023

„Prostitution ist

mit Geld kaschierte Gewalt“

Anna Schreiber blickt aus einer Doppelperspektive auf das Thema Prostitution und sprach darüber in der Vortragsreihe des SI-Clubs 

Von Ursula Brinkmann 

Mosbach. Dass man das eigentlich nicht hören möchte, wusste man, noch bevor Anna Schreiber zu sprechen begann. Denn die Diplom-Psychologin aus Karlsruhe berichtete aus ihrem Leben – als junge Frau und Mutter in der Prostitution und aus all den Jahren danach, die durchzogen sind von unheilvollen Erfahrungen, aber auch davon, wie sie diesen Teil ihres Lebens begriffen, bearbeitet und gewendet hat – hin zu „Schönheit, Selbstachtung und Güte“. So benennt es der Theologe Eugen Drewermann im Klappentext ihres Buches „Körper sucht Seele“. Was als Lesung aus eben diesem Buch vom Club Mosbach des Frauen-Netzwerks Soroptimist International (SI) im Rahmen des Projekts „Signal – Rot“ geplant war, wurde zu einem ergreifenden Bericht im Rathaussaal, den mehr als 60 meist weibliche Zuhörer verfolgten. 

Das SI-Motto „Bewusst machen – Bekennen – Bewegen“, mit dem SI-Präsidentin Ulli Erne-Barth auf die prekäre Lebenssituation von Frauen (in der Prostitution) in ihrer Begrüßung aufmerksam machte, traf auf die Lebenssituation von Anna Schreiber in besonderem Maße zu. 

„Ich habe überlebt.“ Der erste Satz aus Anna Schreibers Mund blieb für einen Augenblick wie ein stilles und zugleich spannungsgeladenes Zeichen im Mosbacher Rathaussaal stehen. Im Verlauf ihres Vortrags waren viele weitere Sätze zu hören, die man nicht einfach hinunterschlucken konnte. Anna Schreiber sprach ruhig, manchmal schien ihre Stimme zu stocken. Denn was sie als 22-Jährige in der Prostitution erlebte, darüber konnte sie lange nicht sprechen. Als schien sie zu ahnen, wie manche ihrer Zuhörerinnen sich fühlten (siehe oben), entkleidete sie die „sehr harte und sehr hässlich Realität der Prostitution“ vom Mythos der Freiwilligkeit oder gar Lust an der Prostitution, die zudem durch mediale Versüßung zur Lüge werde. „Das möchten wir als Gesellschaft nicht so genau wissen, damit verkaufen wir uns als Gesellschaft selbst.“ Denn: „Prostitution ist mit Geld kaschierte Gewalt. Immer“. Dieser Satz fiel mehrmals an diesem Abend. 

Um überleben zu können, hat Anna Schreiber ihr eines Ich vom anderen Ich abgespalten. Der Fachbegriff in der Psychologie dafür heißt „Dissoziation“. Von den Frauen, die in der Prostitution sind, und ebenso aus ihrem Praxisalltag weiß Schreiber, dass der Mechanismus der Abspaltung dann greife, wenn es für die Psyche zu heftig werde. Und auch die Männer, die Sex für Geld kauften, einen anderen Menschen herzlos benutzen, seien dissoziiert, erlägen der Illusion, dass die Frauen ihre Körper freiwillig anböten. 

„Absurd! Es ist bei allen Freiern gleich, bis auf wenige Ausnahmen.“ Jede Prostituierte ahne die Verstrickungen, die eigenen und die der anderen. Sie ansehen, sich eingestehen, das war und ist Anna Schreibers langer Weg gewesen; er war gepflastert mit Verachtung und Scham. Der erste Schritt aus der Prostitution sei eine Liebesbegegnung gewesen, und die Liebe zu ihrer dreijährigen Tochter habe sie gerettet. „Heute kann ich sagen, dass ich durch den Schmerz gelernt habe, mich selber und das Leben tiefer zu verstehen. Durch meine Erfahrungen und durch die vielen Jahre meiner psychotherapeutischen Arbeit habe ich viel gelernt über die Liebe.“ 

Geduld und Achtung, die ihr selbst in der Therapie entgegengebracht wurden und sie wieder aufgerichtet hätten, setzt Anna Schreiber heute selbst in ihrer Arbeit als psychologische Psychotherapeutin um. Denn: „Achtung heilt.“ Die Fotoausstellung, die nebenan im kleinen Rathaussaal von der Gesichtslosigkeit von Frauen in der Prostitution berichtet und die dem Vortragsprogramm der SI-Frauen den Rahmen bietet, trage dazu bei. 

Die Intensität des Gesagten machte die Zuhörerinnen beinahe sprachlos. Eine fragte, was getan werden könne. Schreibers Antwort: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel; es muss durchgängig klar sein, dass Sex nicht gekauft werden kann.“ Das nordische Modell für Prostitution (ein Sexualkaufverbot) wäre ein erster Schritt dahin. „Mit einer geänderten Haltung in der Gesellschaft der Prostitution gegenüber“, so formulierte es Kreisrätin Dr. Dorothee Schlegel, „mit der Kraft von uns allen hier vor Ort, auch auf dem Land, können wir das Tabu brechen und den Markt aushöhlen.“ 

SI-Mitglied Angelika Bronner-Blatz sah es in ihrem Schlusswort als „unsere Pflicht an, sich mutig auf den Weg zu machen, damit sich der Traum von einer Gesellschaft ohne Prostitution verwirklichen lässt.“ 


Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 274, 27.11.2023

Verhindern, dass Mädchen und Frauen leiden

Manfred Paulus referierte auf Einladung des SI-Clubs über Zwangsprostitution und Menschenhandel 
Mosbach. (zg) Von verschiedenen Seiten will der SI-Club Mosbach das Thema Prostitution beleuchten (wir berichteten). Neben der Ausstellung gibt es dazu auch eine ganze Reihe an Vorträgen. Den Anfang machte der Kriminalhauptkommissar a. D. Manfred Paulus. Dieser referierte zum Thema „Rotlichtkriminalität, Menschenhandel und Zwangsprostitution“ im Rathaussaal. 
Eindrucksvoll berichtete Paulus von der Anwerbung minderjähriger Mädchen und junger Frauen am Beispiel von Thailand, Nigeria und Albanien. 90 Prozent der Prostituierten in Deutschland sind Migrantinnen, und hiervon wiederum sind schätzungsweise 90 Prozent nicht freiwillig tätig. Manfred Paulus erläuterte die drei Phasen dieses Menschenhandels mit der Anwerbung in den Heimatländern, der Schleusung nach Deutschland und schließlich der Ausbeutung der Mädchen und Frauen hier in Deutschland. Der Referent hat während seiner aktiven Berufstätigkeit die Heimatländer der Mädchen und jungen Frauen besucht. Durch die Strukturen organisierter Kriminalität in Deutschland werden Mädchen und Frauen in sozialer, wirtschaftlicher und körperlicher Abhängigkeit gehalten. 
„Durch das geltende deutsche Prostituiertenschutzgesetz wird die Legalisierung dieses hochkriminellen Systems gefördert“, sagte Paulus. Er befürworte deshalb das nordische Modell, das zum Beispiel in Schweden angewendet wird. Bei diesem ist der Kauf sexueller Leistungen und nicht das Angebot unter Strafe gestellt. Auch durch umfassende gesellschaftliche Aufklärung, bereits in Schulen, ist in Skandinavien die Prostitution auf 20 Prozent des vor Einführung des Gesetzes bestehenden Wertes zurückgegangen. Derartige gesetzgeberische Vorgaben, gepaart mit umfassenderen Befugnissen für die Polizei und Staatsanwaltschaften, wünscht sich Manfred Paulus auch für Deutschland. Ihm geht es darum, die hochkriminellen Strukturen rund um die Prostitution einzudämmen und „letztlich zu verhindern, dass vor allem minderjährige Mädchen und junge Frauen leiden“. 
Im Anschluss an den Vortrag entstand eine lebhafte Diskussion, an deren Ende sich die SI-Präsidentin Ulli Erne-Barth noch einmal bei dem Referenten für die interessanten und aufrüttelnden Hintergrundinformationen bedankte. 


Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 273, 25.11.2023

Sie wollen Frauen ihr Gesicht wieder geben

Soroptimistinnen präsentieren Foto-Ausstellung „gesichstlos“

                                                             – Fotos von Hyp Yerlikaya zeigen Alltag von Mannheimer Prostituierten 

Von Peter Lahr 

Mosbach. Mit der Eröffnung der Fotoausstellung „gesichtslos – Frauen in der Prostitution“ eröffnete der Soroptimist-Club Mosbach seine Veranstaltungsreihe „Signal-Rot“ im Rathaussaal in Mosbach. Bis 29. November geht es um eine allzu gerne verdrängte „Realität in Deutschland“, wie es im Untertitel heißt. Fünf Vorträge und ein Gottesdienst am Sonntagabend (ab 18 Uhr im Rathaussaal) beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. 

Den Auftakt bildeten 40 beeindruckende Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Werbefotografen Hyp Yerlikaya, der leider kurzfristig sein Kommen absagen musste. Dass Oberbürgermeister Julian Stipp äußerst gerne die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat, unterstrich er in seinem Grußwort. Über die Hintergründe und die Entstehungsgeschichte der Reihe informierten Ulli Erne-Barth, Angelika Bronner-Blatz sowie Prof. Dr. Martin Albert von der SRH-Hochschule in Heidelberg. Musikalische Akzente setzte Dr. Rainer Schulz am Saxofon. 

„Frei nach unserem Motto ‚bewusst machen – bekennen – bewegen‘ wollen wir auf die prekäre Lebenssituation von Frauen in der Prostitution aufmerksam machen“, begrüßte Präsidentin Ulli Erne-Barth gut 60 Gäste zur Vernissage. Die Wanderausstellung sei das Ergebnis einer zweijährigen Kooperation des Fotografen mit der Beratungsstelle „Amalie“ des Diakonischen Werks Mannheim sowie der Reiss-Engelhorn-Museen. 

So prekär und häufig in der Illegalität das Alltagsleben der Sexarbeiterinnen stattfinde, so erstaunlich sei der damit erzielte Umsatz. Diesen schätzte das Statistische Bundesamt vor der Coronapandemie auf rund 14,6 Milliarden Euro. Angemeldet seien derzeit bundesweit 28 000 Sexarbeiterinnen, doch gingen Fachleute von nahezu zehn Mal so vielen Prostituierten aus. „90 Prozent sind Schätzungen zufolge Immigrantinnen.“ Der Erlös des Abends sei für die Beratungsstelle „Amalie“ bestimmt. Besonders bedankte sich Erne-Barth bei Angelika Bronner-Blatz, Christine Silberzahn-Schnörer sowie Ann-Kathrin Metzger vom Organisationsteam. 

„Es geht darum, dass hier Menschen degradiert werden zu reinen Objekten“, betonte Julian Stipp; und dies stehe im klaren Widerspruch zur im Grundgesetz garantierten „Würde des Menschen“. Klare Kante zeigte der Schirmherr zudem: „Die Frauen sind eine Konsumware für Männer. Viele Frauen erleben hier Traumata fern der Heimat. Prostitution und Zwangsprostitution ist nicht ein Problem der Großstädte, ich bin mir sicher, das gibt es auch in Mosbach.“ Er freue sich gleichermaßen auf die Vielfalt der Fachvorträge sowie auf die beeindruckende Ausstellung. 

Der in der Türkei und Deutschland aufgewachsene Hyp Yerlikaya (Jahrgang 1974) studierte ursprünglich Marketing und Vertrieb, arbeite aber seit 18 Jahren als Werbefotograf, erläuterte Bronner-Blatz. Bereits vor elf Jahren habe er einen Verein zur Unterstützung von Säureopfern aus Bangladesch gegründet. In Kooperation mit der Mannheimer Beratungsstelle entstand das Fotoprojekt, das 24 Monate lief. Ein Student aus Mosbach sah die Fotos und vermittelte den Kontakt in seine Heimatstadt. 

„Das ist ein wirklich starker Frauenclub, Soroptimist war der erste Partner von Amalie“, erklärte Martin Albert, Professor für Soziale Arbeit in Heidelberg. Insgesamt seien 1800 Fotos entstanden, die besten 40 würden nun im Rahmen einer Wanderausstellung gezeigt – nicht nur in Mosbach; man sei bereits auf ein Jahr ausgebucht, obwohl es zwei Auflagen der Fotoschau gebe. Das besondere Merkmal nahezu aller Aufnahmen erläuterte der Redner folgendermaßen: „Wir wussten, dass wir nicht die Gesichter der Frauen zeigen können, deshalb hatten wir die Idee mit den weißen Masken.“ Etwa acht Frauen unterstützten das Projekt, indem sie sich fotografieren ließen. Über ihren Alltag berichten sie auch in einem ebenfalls gezeigten Interviewfilm. Viele Passagen daraus begleiten die Fotos als Kommentare. Fotografiert wurde in Mannheim, in Kellern und auf der Straße, in einer Kirche und im Freien. „Die Orte sind real“, betonte Albert. Ganz bewusst habe man auf Schwarz-Weiß als weiteres Stilmerkmal gesetzt. 

Info: Die Ausstellung im Rathaussaal ist werktags von 12 bis 22 Uhr geöffnet, am Samstag von 9 bis 14 Uhr, am Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Ein Begleitbuch liefert weitere Hintergründe und Fotos: Julia Wege, Stephanie Hermann, Hyp Yerlikaya: „gesichtslos – Frauen in der Prostitution“, Nünnerich-Asmus-Verlag, 2021, ISBN 978-3-96176-169-2. 

 Mit der Fotoausstellung „gesichtslos – Frauen in der Prostitution“ eröffnete der Soroptimist-Club Mosbach am Dienstagabend seine Themenreihe „Signal – Rot“ im Rathaussaal. Präsidentin Ulli Erne-Barth und weitere Mitstreiterinnen konnten dazu Schirmherren OB Julian Stipp und Prof. Dr. Martin Albert begrüßen. Foto: Peter Lahr


Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 163, 18.07.2023

Viel stimmiger geht’s nicht

Der Marktplatz mit seiner Fachwerkpracht rundum, sauber eingedeckte Tische und an die 400 gut gelaunte Gäste in Weiß – die jüngste Auflage des „White Dinners“ ließ Mosbachs Mitte am Freitagabend zum besonderen, lauschigen Treffpunkt werden. Der Serviceclub Soroptimist International (SI) hatte eingeladen, und die Reihen füllten sich zusehends, sodass die SI-Vorsitzende Ulli Erne-Barth bei der Begrüßung schon auf eine stattliche Sommertafel auf dem malerischen Marktplatz blicken konnte. Der Erlös des Abends soll im Nachgang wieder in soziale Projekte fließen.


Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 143, 24.06.2023

Ein gechillter Feierabend

Nicht nur volles Haus, sondern auch voller Hof hieß es am Donnerstagabend beim Sommerfest in der Kreuzmühle Aglasterhausen. Die bildete die stimmige Kulisse für einen entspannten Feier-Abend, zumal die Einladung der Gastgeber Ulli und Volker Erne vom Landhandel Barth überaus zahlreich angenommen wurde. Der Innenhof der Kreuzmühle wurde zum lauschigen Treffpunkt, umrahmt von chilliger Livemusik und bestens verpflegt vom Service-Club Soroptimist International und Mona Lisa. „Ein traumhafter Abend“, schwärmte Ulli Barth.