Rhein-Neckar-Zeitung Nr. 58, 11.03.2022

Ein Tabuthema ins Licht gerückt

Internationaler Frauentag in Mosbach beschäftigte sich mit weiblicher Genitalverstümmelung – Viele Betroffene leben mitten unter uns – Hilfsangebote 

 

Nein, eigentlich kann man die Praxis der Genitalverstümmelung bei Frauen nicht begreifen und noch viel weniger darüber reden. Dennoch lud Angelika Bronner-Blatz, Gleichstellungsbeauftragte des Neckar-Odenwald-Kreises, anlässlich des Internationalen Frauentages am Dienstag zum Thema „Weibliche Genitalbeschneidung – Hintergründe, Hilfe und Prävention“ ein. 
„Im Zuge der Migrationsbewegung kommt das Thema immer stärker in den Fokus“, führte die Gleichstellungsbeauftragte aus. „Die betroffenen oder bedrohten Mädchen und Frauen leben in unseren Kommunen und Landkreisen. Deshalb braucht es vor Ort Sensibilisierung, Wissenszuwachs, Präventionsmöglichkeiten, interdisziplinäre Vernetzung und Beratungsstellen, die sich dieser Frauen und Mädchen annehmen.“ 
Bei der so genannten „Female Genital Mutilation“, kurz FGM oder FGM/C, gehe es um „eine besonders schwere Form der Gewalt an Frauen und Mädchen“, so Bronner-Blatz. Trotz Erklärung der Menschenrechte und Übereinkommen zur Beseitigung der Diskriminierung von Frauen durch die Vereinten Nationen, trotz Istanbul-Abkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen – immer noch werden Mädchen und Frauen auch in Europa verstümmelt und damit lebenslang traumatisiert. 200 Millionen Frauen weltweit haben dieses Martyrium schon erlitten, drei Millionen sind nach Schätzungen von Unicef unmittelbar bedroht. In Deutschland sind laut Bundesgesundheitsministerium 67 000 Mädchen und Frauen betroffen. 
„Was bewegt erwachsene und in der Regel auch aufgeklärte Menschen dazu, sich mit einer so unvorstellbaren Brutalität und ohne jeglichen medizinischen Grund an den weiblichen Geschlechtsteilen zu vergehen?“, fragte Landrat Dr. Achim Brötel in seinem Grußwort. Täter und Helfershelfer rechtfertigten sich damit, dass FGM Teil ihrer Kultur sei. „In Wirklichkeit dürfte es aber um etwas sehr viel Perfideres gehen, nämlich um den Anspruch, die Jungfräulichkeit eines Mädchens und später die eheliche Treue einer Frau zu erhalten, indem lebenslängliche Kontrolle über ihre Sexualität ausgeübt wird.“ Dies sei strukturelle, geschlechtsspezifische Gewalt und ein himmelschreiendes Unrecht. 
Über die Auswirkungen der genitalen Beschneidung berichteten die Frauenärztinnen Dr. Ulla Hurst und Dr. Ursula Horter-Weber. In ihrer Praxis habe sie unterschiedliche Typen der FGM gesehen, erklärte Hurst. Neben der Entfernung der Klitoris (Typ 1) und der zusätzlichen Entfernung der inneren Schamlippen (Typ 2) gebe es auch die so genannte pharaonische Beschneidung (Typ 3), bei der die äußeren Genitalien abgeschnitten und bis auf ein winziges Loch komplett zugenäht werden. 
Ein großer Teil der Mädchen und Frauen verblute bei der Beschneidung, andere erlitten Infektionen, auf jeden Fall aber extreme Schmerzen und Traumata. Denn die „Behandlung“ werde meist ohne Betäubung von Beschneiderinnen ohne medizinisches Fachwissen vorgenommen. Die Folgen: Der Abfluss von Urin und Menstruationsblut werden lebenslang erschwert, die Frauen haben Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, müssen vor der Geburt wieder eröffnet werden und haben selbstverständlich auch Einschränkungen des sexuellen Empfindens. Komplikationen bei der Geburt, eine lange Wochenbettphase und sogar Schädigungen der Neugeborenen kommen häufig vor. 
Dr. Horter-Weber berichtete von einem Hilfsprojekt für Frauen in Burkina Faso, das sie begleitet hat. Diese Frauen hätten nach FGM den Urin und Stuhl nicht mehr halten können und seien dann aus den Dörfern verjagt worden. Um ihnen einen kleinen Verdienst zu ermöglichen, habe das Hilfsprojekt ihnen Felder oder einen Webstuhl gekauft. 
67 000 Mädchen und Frauen 
in Deutschland betroffen 
Außerdem gebe es Kliniken, die Operationen zur Behebung der schlimmsten körperlichen Schäden vornehmen. 
Trotz all dieser schwersten gesundheitlichen Folgen, so Dr. Hurst, und trotz bestehender Gesetze zum Verbot von FGM sei die jahrtausendealte Beschneidung weiblicher Genitalien in vielen Ländern immer noch Praxis. In Somalia, Guinea, Ägypten, Mali und im Sudan seien praktisch alle Frauen betroffen, in Burkina Faso, Äthiopien und Mauretanien werde FGM ebenfalls häufig praktiziert. Mit den Migrantinnen aus diesen Ländern und aus dem Jemen, dem Irak, aus Indonesien und Malaysia sei das Problem vor unserer Haustür angekommen. 
Davon berichteten die Hebammen Michiko Rodenberg und Birgit Fuchs, die auch Sprechstunden im Ankunftszentrum für Flüchtlinge in Heidelberg anbieten. Hier erleben sie fast täglich problematische Situationen im Zusammenhang mit FGM und helfen den Betroffenen über gesundheitliche Beeinträchtigungen und Schwangerschaftsprobleme hinweg. Birgit Fuchs berichtete auch von einer jungen Frau, die sogar beim Sitzen unter Schmerzen litt. Mit Unterstützung der Hebammen ließ sie den Genitalverschluss operativ wiedereröffnen und hat nun keine Probleme mehr beim Wasserlassen und bei ihrer Menstruation. Die junge Frau ließ sich allerdings auch ein Attest geben, um im Fall ihrer Eheschließung eine Rechtfertigung für diese Operation an der Hand zu haben. 
Dieses Beispiel zeigte, wie fest die Beschneidung im Kopf der betroffenen Frauen verankert ist. Diese seien fest überzeugt, so Hurst, dass nur eine beschnittene Frau eine gute Frau sei. Zudem seien unbeschnittene Frauen in ihrem Umfeld gesellschaftlich geächtet. Darum brauche es komplexe Maßnahmen gegen die Beschneidungspraxis. 
Wilma Küspert, Sprecherin von „Verein-t gegen weibliche Genitalbeschneidung/FGM“ berichtete über die Möglichkeiten vor Ort. Der Verein, der gerade von der Frauenvereinigung „Soroptimist“ gegründet wird, vernetzt die engagierten Organisationen, organisiert den Erfahrungsaustausch und hilft Betroffenen mit Informationen und Ansprechpartnerinnen weiter. 
Mittlerweile gebe es Hilfe für Frauen, die unter den Beschneidungsfolgen leiden, und Expertinnen in plastischer Operation, die auch Erfahrung mit Rekonstruktionen sowie FGM-bedingten Fisteln und Narben haben. Und vor allem sollten Lehrerinnen und Lehrer aufmerksam sein, um eine Beschneidung von Mädchen aus den bekannten Herkunftsländern zu verhindern. Wenn Mädchen davon erzählten, dass sie in den Ferien zur Oma nach Afrika fahren und dort ein Fest mit Geschenken auf sie warte, dann sei es möglicherweise Zeit für einen Anruf beim Jugendamt. Denn FGM ist in Deutschland eine Straftat: Mittäterschaft, Anstiftung und Beihilfe werden belangt. Auch Auslandsstraftaten werden geahndet, wenn das Mädchen seinen Wohnsitz in Deutschland hat. Die Passbehörde kann Eltern mit deutschem Pass das Dokument entziehen, wenn eine „Ferienbeschneidung“ droht. Selbst der Entzug des Sorgerechts ist zur Verhinderung dieser Tat möglich. 
Es bleibt noch eine Menge zu tun, um Mädchen und Frauen nebst ihren Ehemännern und Vätern von der Bannung des Beschneidens weiblicher Genitalien zu überzeugen. Angelika Bronner-Blatz hat mit der Veranstaltung zum Frauentag einen Anfang gemacht. Sie bedankte sich bei Landrat Brötel und allen Beteiligten für die tolle Unterstützung und verabschiedete sich als Organisatorin des Frauentags in Mosbach: Mitte dieses Jahres wird die engagierte Gleichstellungsbeauftragte in den Ruhestand gehen. 
Info: Weitere Infos und Adressen von Expertinnen und Experten können per E-Mail an chancengleichheitsbeauftragte@neckar-odenwald-kreis.de angefordert werden. 

Zusammenstehen für Frauen (von links):

die Aktivistinnen Dr. Ulla Hurst, Beatrice Hamberger (Soroptimist Mosbach), Gleichstellungsbeauftragte Angelika Bronner-Blatz, die Hebammen Michiko Rodenberg und Birgit Fuchs, Wilma Küspert („Verein-t gegen weibliche Genitalbeschneidung/FGM“), Dr. Ursula Horter-Weber und Heilpraktikerin Renate Borner

(Verein-t) mit Landrat Dr. Achim Brötel.

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